Maharishis Yoga: Ein anderer Blick auf den Ashtanga-Yoga
3. November 2018

Von William F. Sands, Ph.D.

Yoga ist in aller Munde. Verstanden wird er heute gemeinhin als ein System von Übungen: die den Körper flexibel halten, stark und gesund. Doch Yoga ist weit mehr als nur körperliche Ertüchtigung. In diesem Artikel beleuchtet der US-amerikanische Yoga- und Sanskrit-Experte William F. Sands den Ursprung des Ashtanga-Yoga, wie er in den Texten des altindischen Gelehrten Patanjali ausformuliert worden ist.

ashtanga-yoga

Die Abbildung verdeutlicht, dass theoretisch alle »acht Glieder des Yoga« zur Erfahrung des Yoga-Zustands führen können. Der Weg über Samadhi (stille Wachheit) jedoch ist der eleganteste Weg. Man beginnt direkt beim Ziel und macht es permanent durch regelmäßigen Wechsel mit dynamischer Aktivität. 

Ein differenzierter Blick auf den Ashtanga-Yoga

Programme und Anweisungen des Ashtanga-Yoga weisen große Unterschiede auf, je nachdem, wie sich die Ausbildung der Lehrkraft, ihr Hintergrund und ihre Vorlieben gestalten. Immerhin ziehen die meisten Ashtanga-Yoga-Praktiken ihre Regeln aus den Yoga-Sutras des Patanjali, ein Sanskrit-Text, der gemeinhin als Quelle der Yoga-Philosophie gilt.

Maharishi Mahesh Yogi interpretiert die Kernaussagen der Yoga-Sutras auf eine sehr besondere, um nicht zu sagen einzigartige Weise. Er begibt sich dabei in einen offensichtlichen Widerspruch zu vielen gängigen Annahmen, die modernen Ashtanga-Yoga-Praktiken zugrundeliegen.

Ashtanga-Yoga heute

Die Yoga-Sutras beschreiben acht (ashta) Glieder (anga) des Yoga (ashta + anga = ashtanga). Für die meisten Kommentatoren sind das vier externe Reinigungspraktiken (yama, niyama, asana und pranayama), drei Praktiken für »innere Reinigung« (pratyahara, dharana und dhyan), sowie samadhi, das in der Regel als Erfahrung des inneren Selbst verstanden wird.

Gewöhnlich bestehen die Praktiken aus kräftigen, athletischen Abfolgen von asanas (Yoga-Positionen), verbunden mit verschiedenen pranayamas (yogischen Atemübungen). Außerdem begrüßen viele dieser Schulen Verfahren, mit deren Hilfe das Verhalten transformiert, »gereinigt« wird, und sie berufen sich dabei ebenfalls auf die acht Glieder der Yoga-Sutras.

Beispielsweise wird dazu aufgefordert, immer die Wahrheit zu sprechen (satya – eines der fünf yamas), Gewaltlosigkeit zu bewahren (ahimsa – ebenfalls eines der fünf yamas) und die eigene Habgier unter Kontrolle zu bringen, indem man den eigenen Besitz minimiert (oder gar ganz auf ihn verzichtet): aparigraha.

Man ist der Ansicht, dass es diese Praktiken seien, die zur Erfahrung und zum Zustand von Yoga führen, wobei es dann auch wieder eine Frage der jeweiligen Interpretation ist, was diese Erfahrung genau bedeutet.

Maharishi hingegen steht auf dem Standpunkt, dass die Yoga-Sutras keineswegs bestimmte Praktiken empfehlen. Sie seien keine Bedienungsanleitung für Schüler, die gern Yoga erreichen wollen. Vielmehr sind sie, aus seiner Sicht, eine pure Beschreibung des Zustands von Yoga.

Um diese Interpretation zu verstehen, lohnt es sich, zuerst einen Blick darauf zu werfen, wie Maharishi Yoga definiert: unter besonderer Berücksichtigung seiner Unterscheidung des Yoga-Zustandes und des Yoga-Weges.

Der Yoga-Zustand

Das zweite Sutra der Yoga-Sutras definiert Yoga folgendermaßen: Yogash chitta-vritti-nirodah. Wenn nun, wie normalerweise der Fall, Yoga als eine Praxis angesehen wird, als Teil des sogenannten Yoga-Wegs, so wird Sutra folgerichtig meistens so übersetzt: Yoga ist die Zurücknahme der Veränderungen des Geistes. Damit wird deutlich einer Praxis das Wort geredet: einer Praxis, die einen ruhigeren, friedvolleren Zustand dadurch erreicht, dass mentale Aktivität eingeschränkt, behindert, unterdrückt wird.

Yoga: Das vollständige Zur-Ruhe-Kommen des Geistes

Maharishi hingegen widerspricht an dieser Stelle entschieden und hält die folgende Übersetzung für richtiger: Yoga ist vollständiges Zur-Ruhe-Kommen der geistigen Aktivität.

Dieser Unterschied ist so subtil wie er in seinen Schlussfolgerungen schwerwiegend ist. Maharishi schlägt hier nichts anderes vor, als dass der Yoga der Yoga-Sutras das Ziel sei – und nicht der Weg. Es sei nicht etwas, was man tun könne (im Sinne einer Bändigung geistiger Aktivität). Vielmehr handele es sich hier um die Beschreibung eines Zustands innerer Bewusstheit, die man erfährt.

Maharishi Mahesh Yogi
Maharishi beschreibt diesen inneren Zustand des Yoga, das Ziel der Yoga-Praxis, als die Erfahrung eines transzendentalen Bereichs purer Intelligenz, den man tief in sich selbst finden kann: ein nicht begrenzter »Ozean« von Kreativität, Intelligenz, Glück und Frieden. Unser innerstes Selbst.

In den Upanishaden wird diese unbegrenzte, glückselige Intelligenz sehr oft als Atma (das Selbst) bezeichnet: Erfahren wir es, dann erfreuen wir uns des Yoga (Einheit), des Einsseins unserer individuellen Intelligenz mit dem kosmischen, dem inneren Selbst.

Die acht Charakteristika des Yoga-Zustandes

Was aber bedeutet das für den Ashtanga-Yoga? Aus Maharishis Sicht beschreibt der Ashtanga-Yoga des Patanjali keine Praxis, um Yoga zu erfahren. Vielmehr handele es sich hier um eine detaillierte und umfassende Beschreibung der acht grundlegenden Charakteristika des Zustands von Yoga. In diesem Sinn sei es eher philosophische Beschreibung denn Anleitung zur Praxis.

Das aber führt zu zahlreichen Fragen, weisen die acht Glieder des Yoga doch Begriffe auf, die wir sehr wohl mit Yoga-Praxis in Verbindung bringen. Maharishi bestreitet in seiner Analyse jedoch keineswegs die Verfahren, wie sie integraler Bestandteil der Yoga-Tradition sind. Was er nur sagt, ist: Wiewohl Begriffe wie pranayama und asana in der Yoga-Literatur meist als Bestandteil der Yoga-Praktiken ausgewiesen werden, beschreiben sie in den Yoga-Sutras des Patanjali die Eigenschaften des Yoga-Zustandes.

Überraschen sollte das nicht. Denn es besteht Übereinkunft darüber, dass Sanskrit-Begriffe sehr oft verschiedene Bedeutungsebenen besitzen. Schon ein kurzer Blick in ein x-beliebiges Sanskrit-Wörterbuch zeigt auf, dass so gut wie jedes Sanskrit-Wort zahlreiche Bedeutungen kennt.

Auf dieser Grundlage wollen wir nun einige der Glieder des Yoga untersuchen, um noch ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, was Maharishi meint.

Nehmen wir beispielsweise die fünf yamas (yama ist das erste der acht Glieder). Sich um Wahrhaftigkeit zu bemühen (satya) ist nobel, genauso, wie es förderlich ist, nach Gewaltfreiheit zu streben (ahimsa). Und natürlich möchten auch alle ihre Habsucht mindern (aparigraha) und sich auch nicht an fremdem Eigentum vergreifen (asteya).

Yoga entsteht aus der Erfahrung des Selbst

Aus Maharishis Sicht jedoch führt das Praktizieren all dieser Tugenden keineswegs zum Zustand von Yoga. Zu diesem Zweck muss man vielmehr tief eintauchen und das innere Selbst erfahren: die Quelle unserer Kreativität, unserer Intelligenz, der Ursprung unseres Lebens.

Fehlt diese Erfahrung, dann bleibt es schwierig, sich zur Erleuchtung emporzuschwingen – ein Zustand, den er als dauerhaften Yoga-Zustand beschreibt und in dem das unendliche, an nichts gebundene, ewig glückselige, innere Selbst praktisch gelebt wird, in jeder Phase des äußeren Lebens.

Zu diesem Zweck empfiehlt Maharishi seine Praxis der Transzendentalen Meditation®: Mit dieser Technik gelinge es jedem, seine Aufmerksamkeit leicht und ohne Mühe tief nach innen eintauchen zu lassen (zu transzendieren) und den glückdurchtränkten, friedvollen Yoga-Zustand zu erfahren.

Acht Glieder statt acht Stufen

Maharishi stützt seine These mit dem Hinweis, dass Ashtanga (ashta + anga) im Sanskrit für acht Glieder steht, nicht für acht Stufen, und dass also ashtanga yoga nicht acht Schritte sein können, über die man Yoga erreicht. Und Glieder wiederum seien von Haus aus Erweiterungen, Glieder wachsen automatisch, wenn sich der Körper entwickelt. Also wachsen die acht Glieder des Yoga in dem Maße, in dem sich in unserem Leben Yoga entwickelt.

In dem Maße, in dem unsere unendliche, unbegrenzte innere Intelligenz mehr und mehr außerhalb der Meditation zum Ausdruck kommt, werden wir ganz natürlich und spontan wahrhaftiger (satya), neigen weniger zu Gewalt (ahimsa), sind wir mehr wir selbst (Reinheit, shaucha), zufriedener (santosha), verfallen weniger den Objekten der Sinne (aparigraha), wachsen in Unerschütterlichkeit und sind gefestigter (asana) und entwickeln die Fähigkeit, ganz spontan die Erfahrung von Yoga auch außerhalb der Meditation aufrechtzuerhalten (dharana), usw.

Dies sind nur einige wenige Beispiele. Wer mit Patanjalis Yoga-Sutras vertraut ist und sich im Sanskrit auskennt, wird zu weiteren Fragen finden.


William F. Sands ist Professor für Sanskrit und Maharishi Vedic Science und Dekan des College of Maharishi Vedic Science, Maharishi University of Management, Fairfield, Iowa, USA. Er ist Autor des 2013 erschienenen Buches über den Maharishi Yoga: »Maharishi’s Yoga – The Royal Path to Enlightenment« (Übersetzung in Vorbereitung).

Redaktion und Übersetzung aus dem Amerikanischen: Jochen Uebel.
Mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des Elephant Journal.
Grafik: Jochen Uebel. Fotos: tmhome.org, Maharishi University of Management

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das tief in uns liegt.“

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